Singklasse

Die Anfänge

Anfang des Jahres 2007 lernte ich Herrn Dr. Schnitzer am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Eppelheim kennen. Seine Unterrichtsarbeit mit Singklassen erstaunte und begeisterte mich gleichermaßen so sehr, dass ich es schon fast unglaublich fand, wie Musikunterricht auch aussehen kann – völlig anders, als ich selbst ihn erlebte und von meinen Kindern kenne. Nach eigenen Erfahrungen und Vorstellungen von Musikunterricht stellten sich zunächst auch mir Fragen: „Was ist mit Kindern, die nicht singen können“? „Machen da alle mit“? „Wird auch Anderes gemacht außer Singen“? Nachdem ich Herrn Schnitzers Konzept für die Errichtung von Singklassen kennengelernt hatte, besuchte ich 2007 eine erste Fortbildung bei Herrn Dr. Schnitzer in der Landesmusikakademie Ochsenhausen in Baden-Württemberg. Mich begeisterte das Konzept weiterhin derart, dass ich versuchen wollte, ebenfalls Singklassen an unserem jungen Gymnasium in Bad Marienberg einzurichten. Wo, wenn nicht an einer neuen und jungen Schule, kann man so etwas wagen? Gerade hier, so dachte ich, muss das doch recht leicht zu etablieren sein. Mancherorts musste ich einige Überzeugungsarbeit leisten. Auch heute wird immer wieder mal in Frage gestellt, ob diese Unterrichtsform den gesamten Musikunterrichtsinhalt abdecken kann. Ja, sie kann! Abgesehen davon, dass nahezu alle Schüler einer Klasse in diesem Musikunterricht erreicht werden, bestätigte mir ein Fortbilder im Rahmen der Klippert-Fortbildungen an unserer Schule, dass diese Form doch ein optimales Beispiel für ganzheitlichen Unterricht sei, der zunehmend immer öfter gefordert wird. Und ich lade alle Interessierten und auch die Kritiker immer wieder ein, im Unterricht zu hospitieren. Interessierte Kollegen von anderen Schulen befragen sich vermehrt bei mir und möchten im Unterricht gern hospitieren.

Erste Erfolge

Hoch motiviert begann ich gleich nach meiner ersten Fortbildung voller Elan in den letzten Schulwochen vor den Sommerferien mit einer fünften Klasse die relative Solmisation zu erlernen. All dies fand statt in einem Klassenraum der Bad Marienberger Grundschule, der ein recht ordentliches Klavier besaß. Fünf „Brummer“ (Schüler, die vorgegebene Töne nicht gleich in der richtigen Tonhöhe nachsingen können und die früher vielfach umgehend aus dem Musikunterricht verbannt und nach Hause geschickt wurden), aber auch andere Schülerinnen und Schüler in dieser Klasse trauten dem Konzept zunächst wenig bis gar nicht und taten sich schwer damit, die neuen Aufgaben zu probieren. Noch dazu war für sie Singen „uncool“. Dennoch ließ ich mich nicht entmutigen – wir probierten weiter und führten das Konzept im Verlauf der sechsten und siebten Klasse weiter. Erste Erfolge waren gleichwohl bald zu verzeichnen – die „Brummer“ blieben jedoch skeptisch, leider! Doch viele Schüler konnte ich auch überzeugen. Dazu kam dann noch, dass man „ja nicht die richtigen Noten erlernt“ ( so der Klavierlehrer eines meiner Schüler), sondern zunächst die Notennamen als Solmisationssilben: do – re – mi – fa – so – la – ti – do; auch „solfège“ genannt. Doch dies ist beabsichtigt und wichtiger Bestandteil des Konzeptes; am Ende lernen die Schüler die „richtigen“ Notennamen auch; sie lernen sie dann sehr schnell und können dann sehr virtuos damit umgehen. So blieb es in dieser ersten Klasse bei kleinen Erfolgen, die mich als Musikerin dennoch überzeugten – die Schüler musizierten! Und das war mir sehr wichtig, denn dies gewinnt in unserer Zeit und Gesellschaft als Moment sozialen Miteinanders zunehmend an Bedeutung.

Anspornendes „Futter“

Parallel begannen wir, eine „Singklasse“ aus neuen Fünftklässlern zu etablieren, in die die Schüler sich selbst hineinwählen konnten. Nach der Vorstellung des Konzepts meldeten sich 54 Schüler von 60 an, die dann gar nicht alle in der Singklasse unterrichtet werden konnten, so dass eine „Nachwahl“ stattfinden musste. Mit 36 Schülern begann dann diese erste Singklasse ihren Unterricht. Nach dem Umzug in das neue Schulgebäude bezogen wir zunächst einen großen Raum im obersten Stockwerk, später als festen Anlaufpunkt einen Klassenraum – ein provisorischer Musikraum, in dem zunächst alles war, was wir brauchten: Stühle, eine Tafel, ein Klavier (ein Keyboard in dieser Funktion) und etwas Platz.

Munter ging die Arbeit mit diesen aufgeschlossenen Schülern los. Schon nach den Herbstferien zeigten sich große Erfolge mit dieser Gruppe. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten sich seitdem sehr erfreulich: alle Kinder trauten sich, allein vor der Klasse zu singen, was ich als Musikerin als eine ganz großartige Leistung und Entwicklung ansehe und schätze. Daneben haben etliche Schülerinnen und Schüler das Singen und ebenso das richtige Treffen von Tönen überhaupt erst erlernt. Zudem machte das offenherzige, freundliche und freudige Miteinander der Schüler sehr viel Freude. All dies bewog mich, den Kindern anspornendes „Futter“ zur Motivation zu bieten, so dass ich mich entschloss, die Kinder in ein Konzertprojekt mit hinein zu nehmen: sie sollten den Part des Kinderchores in Heinrich von Herzogenbergs Oratorium „Die Geburt Christi“ übernehmen. Das Konzert vermittelte den Schülern diese Musik mit einem Orchester hautnah und wurde ein vie beachteter Erfolg – beim Publikum, den Kindern und vor allem bei deren Eltern.

180 singende Schülerinnen und Schüler

Nach diesem ersten Erfolg treten die Klassen heute auch in Gottesdiensten, bei Seniorenfeiern, Offenem Singen im Advent und verschiedenen Anlässen auf – immer wieder mit schönem Erfolg. Und selbstverständlich gehören auch die traditionellen Schulkonzerte dazu, bei denen Singklassen immer wieder gute Beiträge liefern, das Programm bereichern und damit den Part erfüllen, den eigentlich ein Schulchor gewährleistet. Im Sommerkonzert 2010 sind sechs Singklassen beteiligt gewesen – ca. 180 singende Schülerinnen und Schüler! Dieses Ergebnis spricht für sich.

Im Schuljahr 2009/2010 war alles Unterrichten in Form der Singklasse viel selbstverständlicher geworden, hatten wir doch jetzt immer den Musikraum zur Verfügung, der uns den erforderlichen Platz und Akustik bot. Ein Klavier unterstützt die Arbeit. Eine sechste Klasse brauchte 2009 nach den Herbstferien wieder „Futter“ – die Vorbereitungen für das Adventskonzert des Kammerchores Marienstatt am dritten Advent, das im Hachenburger Kulturleben ein alljährlicher Publikumsmagnet ist, liefen an und ich wollte die Schüler in dieses Konzert einbinden. So erarbeiteten wir erste zweistimmige Stücke, lernten, was ein Bach-Choral ist, indem wir die Sopranstimme übernahmen, erlernten ein norwegisches Adventslied und informierten uns dabei auch über andere Weihnachtsbräuche in einem fremden europäischen Land. Wir sangen auch ein französisches Weihnachtslied und sorgten beim Publikum mit einem herrlichen Satz über „Leise rieselt der Schnee“ für Gänsehaut.

Wieder war das Konzert ein großer Erfolg für die jungen Menschen und wieder wurden sie dafür hoch gelobt – nicht nur ihr Singen, sondern auch ihr offenherziges und diszipliniertes Verhalten.

Vor den Weihnachtsferien musizieren die Singklassen heute traditionsgemäß im Schulhaus: während alle Klassen sich am letzten Tag auf die Weihnachtsferien vorbereiten, erklingt aus dem Foyer – dem Zentrum des Schulgebäudes – weihnachtliche Musik, mit der wir das große christliche Fest bewusst auch ins Schulhaus holen.


Wie sieht nun der Unterricht aus?

Jede Stunde ist strukturiert in immer wiederkehrenden Abläufen und besteht aus vier festen Teilen, die jedoch auch variiert werden können, wenn die Schüler Bedürfnisse anmelden oder die Situation es gebietet. Solche traditionellen Strukturen – eine Art Ritual – braucht es auch für junge Menschen, damit sie sich beheimatet und in sicherem, bekanntem Umfeld wohl fühlen. Zudem fordert das Gelingen dieses Konzeptes meinen Respekt vor den Schülern, ihren Singstimmen und ihrem Lernvermögen, aber auch ein stringentes Lernprogramm. So entwickelt sich der typische Stundenverlauf. Die Stunde beginnt mit dem Aufwärmen der Stimme, oft sogar des ganzen Körpers mit Bewegungsübungen, denn die uneingesungene Stimme und ein unbewusst agierender Körper können bei intensivem Gebrauch der Stimme zu Schaden kommen. Grundlage für die gesamte Arbeit ist eine konsequente, auf hohe Qualität des Ergebnisses ausgerichtete Stimmbildung und Probenarbeit im Klassenverband. Dabei geht es nicht um Stimmdressur oder Elitezüchtung, sondern um das Singen als musikalischen Ausdruck.

Als nächstes folgt die Arbeit an solmisierten Übungspatterns, Übungen, die hörend und lesend entwickelt wurden.

An die folgende Stelle tritt dann eine Einheit mit Arbeit an der Musiklehre – sei es Gehörbildung, Notenlesen oder Lernen neuer musikalischer Folgen, Tonleitern, Modi, Tonarten, Akkorde, Kadenzen, Rhythmus, aber auch an allgemeiner Begriffsbildung. Dabei wird meist ein neues Phänomen vorgestellt, das die Schüler sich „erhören“ oder singen. Nach dem Gebrauch, dem „Machen“, folgt dann die Theorie darüber.

Den Abschluss der Stunde bildet dann – fast als Belohnung – die Arbeit am musikalischen Material, d.h. an Stücken, die neu erlernt werden. Die Kleinen „erhören“ sich diese Lieder und Kompositionen, die Großen „lesen“ sie dann schon.

Die einzelnen Stundenphasen gehen ineinander über und nehmen immer Bezug aufeinander; je nach Situation treten unterschiedliche Aspekte stärker in den Mittelpunkt oder in den Hintergrund. Es ist ebenso wichtig, immer wieder auf konkrete Situationen und ihre Bedingungen zu reagieren.

Mittlerweile ist in dieses Konzept auch ein spezielles Rhythmuskonzept integriert, das genauso stringent erarbeitet wird wie das Singekonzept.

Die Schüler sitzen in einem großen Halbkreis mir und dem Klavier gegenüber; alle sitzen so in der ersten Reihe, alle erscheinen mir als ganze Person. Während der stimmbildnerischen Stundenphase stehen alle. Die Schüler folgen nicht nur meinen Anweisungen, meiner stummen Anweisung, meinem Dirigat und meiner Klavierbegleitung, sondern sie kommunizieren auch visuell miteinander. Dabei lernen sie schnell, dass niemand sich verstecken kann oder muss, dass er nicht bloßgestellt wird, sondern dass sein Handeln hier vorwärts geführt wird. Die Schüler nehmen sich so gut wahr, dass ich mir pädagogisches Lob verbiete. Sie erhalten von mir ehrliche, aber niemals diskreditierende Bewertungen. Begeisterung für besondere Leistungen verhehle ich aber auch nicht und oft erlebt man in diesen Situationen Applaus der ganzen Klasse. Die Schüler erkennen auch schnellstens das Phänomen „Brummer“ – Kinder, die die richtige Tonhöhe nicht sofort treffen und dafür Zeit benötigen, die sie von mir bekommen. Sie lernen, sich hier gegenseitig zu helfen und tun dies mit allem Respekt und mit großem Willen. Meine „Freudenausbrüche“ über Kinder, die vom Brummer zum Sänger werden, kennen die Schüler mittlerweile und amüsieren sich königlich darüber.

Für all dies gibt es für die Schüler zwei Spielregeln, die von mir konsequent, aber nicht diktatorisch eingefordert werden:

  • Probieren braucht Mut; darum verdient jeder, der probiert, unser aller Respekt – unabhängig vom Ergebnis.
  • Weil nur das Probieren die Angst überwinden kann, probiert jeder, der dazu aufgefordert wird.

Singen können und Musikalität wird oft synonym verstanden. So halten sich viele Menschen für „unmusikalisch“. Aber „Unmusikalität“ gibt es nicht! Jeder hat die Fähigkeit, akustische Reize aufzunehmen, sie im Gedächtnis zu speichern und mit der Stimme zu imitieren. Auch muttersprachliches Lernen ist nichts anderes. Singen beruht darauf, Musik im Hörgedächtnis zu speichern und zu üben, diese wiederzugeben.

Schritt für Schritt werden die musikalische Erfahrungsfähigkeit, die musikalische Handlungsfähigkeit und die Kenntnis von und das Wissen über Musik erweitert. Hier geht das „Machen“ vor „Reden“ – so könnte das didaktische Prinzip scharf formuliert lauten. Es geht dabei nicht um irgendwelchen Aktionismus, sondern das Handeln in unserem Sinne ist kontinuierliche Auseinandersetzung mit einer Sache. Dies geschieht nach gewissen Spielregeln. Eine dieser Spielregeln ist das Üben – gelegentlich anstrengend, manchmal (selten) frustrierend, immer aber in hohem Maße sinnerfüllt. Und dann tritt plötzlich das Lernen auf: die Schüler beginnen, aufeinander zu hören und zu reagieren, Klänge zu beurteilen und zu entwickeln. Sie erfahren, was Musizieren bedeutet und entfalten sich hierin. So ist die Singklasse mehr als nur „Singen“ – sie ist das Tor zur Sprache Musik.

Die Stimme – und damit das Singen – ist als ureigenstes und intimstes Instrument so ursprünglich und eng mit der Persönlichkeit des Schülers verknüpft, dass die Auseinandersetzung mit dieser Sache auch immer die Auseinandersetzung des Schülers mit sich selbst ist. Das Inszenieren eines Musikunterrichts über die Stimme berührt immer die Ganzheit einer jungen Persönlichkeit. Dies bedeutet für mich eine ungeheuer große Verantwortung im Umgang mit den jungen Menschen und große Chancen für einen tief greifenden Bildungseinfluss.

Dabei gibt es erhebliche Vorteile mit Singklassen: die Stimme kostet nichts, sie braucht auch keine teuren Wartungen wie Instrumente, man kann sie nicht zu Hause vergessen und zeitraubendes Ein- und Auspacken entfällt.

Ich verdanke Herrn Schnitzer außerordentlich viel für die Anregungen und für das als Lehrerband erstellte Konzept, ebenso für die Möglichkeit der Hospitation in seinem Unterricht und das Erleben während der Fortbildungen. Eine Kollegin sagte einmal: „wenn man Herrn Schnitzer im Unterricht sieht, erkennt man: Schnitzer ist Singklasse, er ist das Konzept; ich kann das so nicht“. Ich habe das Konzept für mich persönlich adaptiert, habe vieles angenommen und baue es für meine Arbeit weiter aus. Ich mache es so, dass ich Singklasse bin. Ich kann dann als Lehrer authentisch unterrichten und muss nicht von meiner künstlerischen Berufung oder Vorstellung absehen und kann diese jederzeit zum Schüler hin öffnen.

Das Arbeiten mit den Schülern macht mir ausgesprochen große Freude und bereitet zuweilen viel Vergnügen. Und ich kann erfreut sagen, dass ich bei dieser Arbeit mit meinen Schülern immer wieder ungemein viel lernen und erfahren darf.